Lichtburg Saal

Am Ende kommen Touristen

D 2007; 85 Min.; Buch + Regie: Robert Thalheim; mit Alexander Fehling, Ryszard Ronczewski, Barbara Wysocka, Piotr Rogucki

Die Berliner Schule hat einen neuen Stern. Schon in seinem Abschlussfilm NETTO erzählte Robert Thalheim mit beachtlicher Souveränität und genauer Personenzeichnung eine kleine, hochaktuelle Geschichte von Arbeitslosigkeit und Vatersein in Berlin. Auch in AM ENDE KOMMEN TOURISTEN geht es wieder um ein Stückchen deutscher Befindlichkeit. Sven macht seinen Zivildienst in Polen in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz - eine komplexe Angelegenheit. Tagsüber wird Sven nolens-volens mit der Erinnerung an den Holocaust konfrontiert, in seiner Freizeit erlebt er mit der Reiseführerin Ania polnische Gegenwart. Und überall nimmt er als Deutscher eine Sonderstellung ein. In nicht einmal 90 unaufgeregten Minuten gelingt es Thalheim, die Vielschichtigkeit der Situation sensibel einzufangen.

Sven macht Zivi im Ausland. Ursprünglich war Amsterdam geplant gewesen, jetzt hat es ihn in die polnische Stadt Oswiecim, zu Deutsch Auschwitz verschlagen. In der dortigen Begegnungs- und Gedenkstätte macht er Hausmeisterjobs, kümmert sich um Seminare und betreut den über 80-jährigen Überlebenden Krzeminski, der unweit des ehemaligen Konzentrationslagers wohnt. Ohne besonders viel Enthusiasmus aber guten Willens macht Sven sich daran, sich in der neuen Welt zu Recht zu finden. Oder vielmehr in den drei neuen Welten. Der ungewohnte Arbeitsalltag, das Leben als Deutscher in einer polnischen Kleinstadt und der tägliche Umgang mit einem Überlebenden von Auschwitz stellen jeweils eigene Anforderungen. Überall lauern Untiefen und Fragen mit denen sich Sven noch nie beschäftigt hat. Wie z.B. soll/kann/darf er als Deutscher auf den knappen Kommandoton Krzeminskis reagieren?

Mit einer guten Portion Stoizismus erledigt Sven die ihm gestellten Aufgaben, die von Geschirrspülen bis zu Chauffeurdiensten für den alten Krzeminski reichen. Ganz langsam, fast unmerklich, beginnt dabei eine Verbindung zu dem ungewöhnlichen Ort und seinen Menschen zu wachsen.  Sven ärgert sich, verliebt sich, ergreift Partei und fängt an, sich wirklich für seine Umgebung zu interessieren.

Das alles geht ohne große Gefühle ab. Thalheim erzählt betont unaufgeregt, mit einem Gespür für Zwischentöne und einem scharfen Ohr für geschliffen ungeschliffene Dialoge. Ein erster Kuss hat bei ihm nicht mehr Gewicht als der erste Blick durch das kleine graue Zimmer, dass Svens Heimat für die nächsten 12 Monate sein soll, eher weniger. Besonders viel Zeit nimmt sich der Regisseur der selbst seinen „Zivilersatzdienst“ in Auschwitz geleistet hat, für Krzeminski, den einzigen Zeitzeugen. Vom schwierigen Alten, der zur Krankengymnastik gezwungen werden muss, wird Kreziminski für Sven langsam zu einem Bekannten, dessen Geschichte und Motive er verstehen lernt, und mit dem er sich schließlich solidarisiert. Übersolidarisiert, würde seine polnische Freundin Ania vielleicht sagen.

Damit stellt sich AM ENDE KOMMEN TOURISTEN bewusst gegen die aktuelle Welle von Historiengroßfilmen wie DER UNTERGANG oder DAS LEBEN DER ANDEREN. Anstatt Vergangenheit in autoritären Bildern zu fixieren, sucht Thalheim nach den Spuren und sichtbaren Folgen der Geschichte in der Gegenwart und stellt die Frage, wie sich die dritte und vierte Generation der Erinnerung an den Holocaust und Nationalsozialismus nähern kann. Einer Erinnerung, die nicht mehr die eigene ist. Nach einem ernüchternden Zeitzeugengespräch mit den deutschen Azubis des nahe gelegenen  Chemiewerks stellt Krzeminski deprimiert fest: „Nächstes Mal zeigt Ihnen einfach SCHINDLERS LISTE, das hätte sie mehr beeindruckt.“

Bei aller Ernsthaftigkeit der Gedanken – Thalheim kommt fast ohne Didaktik aus. AM ENDE KOMMEN TOURISTEN ist ein wacher, lebendiger Film mit einem Sinn fürs Detail. Sei es der Galgenhumor der ehemaligen Häftlinge: „Frag ihn mal, ob sein Vater auch schon hier gearbeitet hat.“ oder der schleppende Spracherwerb Svens.

Quelle: Hendrike Bake , Programmkino.de

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Der Film im Internet

www.amendekommentouristen.de

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